In den vorherigen Beiträgen habe ich mich mit den Unterschieden zwischen den einzelnen Kategorien von „grünem“ Wasserstoff und damit beschäftigt, wie die europäische Regulierung technologische Entscheidungen beeinflusst. In diesem Beitrag möchte ich einen Schritt weitergehen – hin zu einer praktischen Frage, die Industrie, Mobilität und Energiewirtschaft heute beschäftigt:

Ist es sinnvoll, in die Produktion und Nutzung von Wasserstoff zu investieren, der nicht nach RFNBO erzeugt wird, aber die Anforderungen von RED II / RED III erfüllt?

Die kurze Antwort lautet: Ja – wenn wir strategisch, langfristig und im Kontext einer realen Dekarbonisierung denken.


Dekarbonisierung geschieht nicht über Nacht

Große Industrieprojekte – ob in der Stahlindustrie, Chemie, Energiewirtschaft oder im Verkehr – werden nicht in Monaten, sondern in Jahren geplant. Das gilt ebenso für:

  • den Bau von Produktionsanlagen,
  • Genehmigungsverfahren,
  • Infrastruktur,
  • Integration in bestehende Prozesse.

Auf einen „idealen“ regulatorischen Zustand zu warten, bedeutet oft, zu lange zu warten.

Während sich die Regulierung weiterentwickelt, entstehen Emissionen jeden Tag. Genau hier kommen Technologien ins Spiel, die die Anforderungen von RED II / RED III erfüllen – einschließlich der Wasserstoffproduktion aus Biomasse, biogenen Reststoffen oder anderen emissionsarmen Verfahren.


Was Wasserstoff außerhalb von RFNBO Unternehmen bringt

Aus Sicht von Industrie, Mobilität und Kommunen bieten solche Projekte mehrere konkrete Vorteile:

  • reale Emissionsreduktionen bereits heute, nicht erst in der Zukunft,
  • höhere Energieunabhängigkeit,
  • stabile Produktion unabhängig von Wetterbedingungen,
  • Integration von Kreislaufwirtschaft,
  • Aufbau von Infrastruktur, Know-how und Betriebsteams.

Wasserstoff nach RED II / RED III hat die gleiche Qualität und Nutzbarkeit – in Industrie, Mobilität und Energieerzeugung. Der Unterschied liegt nicht im Molekül, sondern in der regulatorischen Einordnung.


Und die Nachteile? Diese sollten klar benannt werden

Aus heutiger gesetzlicher Sicht ist es wichtig, auch die Nachteile offen anzusprechen:

  • solcher Wasserstoff kann nicht immer auf RFNBO-Quoten angerechnet werden,
  • Unternehmen können temporäre Sanktionen oder Abgaben nicht vermeiden,
  • Fördermechanismen sind weniger direkt als bei RFNBO-Projekten.

Das sind reale Einschränkungen.

Und genau hier kommt strategisches Denken ins Spiel.


Wer vorbereitet ist, wird nicht überrascht

Wenn ein Unternehmen heute:

  • in Technologien investiert,
  • Emissionen reduziert,
  • Prozesse etabliert,
  • Infrastruktur aufbaut,

befindet es sich bei einer regulatorischen Änderung nicht am Anfang, sondern kurz vor dem Ziel.

Während andere noch planen, genehmigen und bauen, können vorbereitete Unternehmen:

  • schnell auf neue Rahmenbedingungen reagieren,
  • ihre Aktivitäten ausweiten,
  • oder ihre Technologie erweitern.

Welche Rolle spielt die Finanzierung?

Europäische Instrumente wie der Innovationsfonds setzen derzeit einen starken Fokus auf RFNBO, gleichzeitig jedoch:

  • unterstützen sie breitere Dekarbonisierungslösungen,
  • bewerten den gesamten Emissionsbeitrag eines Projekts,
  • und passen sich schrittweise der technologischen Realität an.

Deshalb ist es sinnvoll, Projekte bereits heute vorzubereiten – auch wenn die Rahmenbedingungen noch nicht ideal sind.


Fazit

Wasserstoff nach RED II / RED III ist keine Umgehung der Dekarbonisierung. Er ist ein pragmatischer Weg:

  • Emissionen zu reduzieren,
  • sich auf die Zukunft vorzubereiten,
  • und keine Zeit zu verlieren.

Es geht nicht darum, gegen Regeln zu handeln. Es geht darum, vorbereitet zu sein, wenn sich die Regeln weiterentwickeln.

Und gerade in der Dekarbonisierung gilt:

Wer vorbereitet ist, wird nicht überrascht.


Ich beschäftige mich mit der Entwicklung von Wasserstoffprojekten und Infrastrukturstrategien im europäischen Kontext.


Kristýna Váchalová
Hydrogen Business Development