Als ich vor einigen Wochen den Satz hörte „grüner Wasserstoff ist nicht immer grün“, ließ mich das kurz innehalten. Mit Wasserstoff bin ich erstmals vor rund fünfzehn Jahren bei der Daimler AG in Berührung gekommen. Seitdem kehre ich immer wieder zu diesem Thema zurück und beschäftige mich in den letzten Jahren intensiv damit – im tschechischen ebenso wie im europäischen Kontext.

Trotz dieser langjährigen Erfahrung muss ich zugeben: Viele Begriffe und Zusammenhänge rund um die „Grünheit“ von Wasserstoff sind keineswegs intuitiv. Oft bleibt unklar, was genau hinter einzelnen Bezeichnungen steckt – und warum bestimmte Wasserstoffpfade als wertvoll gelten, während andere es nicht tun, obwohl beide technisch sauber oder emissionsarm sein können.

Und damit bin ich nicht allein. Die Verwirrung darüber, was als grüner, erneuerbarer, CO₂-armer, RFNBO- oder RED-zertifizierter Wasserstoff gilt, ist in Europa weit verbreitet. Obwohl Wasserstoff immer häufiger diskutiert wird, verstehen viele nicht, warum einzelne Technologien unterschiedlichen regulatorischen Kategorien zugeordnet werden – und welche praktischen Konsequenzen das hat.

Genau aus diesem Grund habe ich mich entschieden, über dieses Thema zu schreiben: einfach, technisch fundiert und verständlich. Für alle, die sich in der Praxis mit Dekarbonisierung beschäftigen.


Wer beschäftigt sich heute mit Dekarbonisierung? Praktisch alle.

Wasserstoff betrifft längst nicht mehr nur eine kleine Gruppe von Technologieunternehmen. Er betrifft:

  • energieintensive Industrien wie Stahl, Zement, Glas und Chemie,

  • Logistikunternehmen,

  • Städte und Regionen,

  • den Bausektor,

  • Luftfahrt und Verteidigung,

  • und künftig viele weitere Branchen.

Jeder Akteur mit hohen Emissionen steht vor derselben Frage:
Wie lassen sich fossiler Wasserstoff oder Erdgas ersetzen – und wie können die europäischen regulatorischen Vorgaben erfüllt werden?

Und genau hier beginnt das Problem: Grüner Wasserstoff ist nicht immer gleich grün.

Der Grund dafür ist nicht technologisch, sondern regulatorisch.


Unterschiedliche Wasserstoffkategorien in der EU-Regulierung

Die Europäische Kommission definiert mehrere Wasserstoffkategorien, die sich teilweise erheblich voneinander unterscheiden.

1️⃣ RFNBO – der „Goldstandard“ aus Sicht der EU

RFNBO (Renewable Fuels of Non-Biological Origin) bezeichnet Wasserstoff aus Elektrolyseuren, die ausschließlich mit erneuerbarem Strom (Wind, Sonne, Wasser) betrieben werden.

Damit Wasserstoff als RFNBO gilt, müssen strenge Kriterien erfüllt werden:

  • Additionalität – Nutzung neuer erneuerbarer Stromkapazitäten,

  • zeitliche Korrelation – Elektrolyse nur bei gleichzeitiger Erzeugung erneuerbarer Energie,

  • geografische Korrelation – räumliche Nähe von Stromquelle und Elektrolyseur,

  • über 70 % Treibhausgaseinsparung gegenüber fossilem Wasserstoff.

Die Folge: In Ländern wie Tschechien ist RFNBO nur schwer umsetzbar. Die erneuerbare Stromerzeugung ist begrenzt und volatil. Unternehmen sagen daher häufig:

„RFNBO ist auf dem Papier gut – in der Praxis aber kaum erreichbar.“

Trotzdem sind an RFNBO verbindliche Quoten, Fördermechanismen und Sanktionen gekoppelt.


2️⃣ RED II und RED III – eine andere Logik von „grünem Wasserstoff“

Nach RED II und RED III kann Wasserstoff als erneuerbar gelten, wenn:

  • definierte Nachhaltigkeitskriterien erfüllt sind,

  • CO₂-Einsparungen gemäß Methodiken nachgewiesen werden,

  • die Herkunft der eingesetzten Rohstoffe nachvollziehbar ist.

Im Gegensatz zu RFNBO ist Biomasse hier ausdrücklich zugelassen. Wasserstoff kann entstehen aus:

  • thermochemischer Umwandlung von Rest- und Abfallbiomasse,

  • Biogas oder Biomethan,

  • geeigneten Abfallströmen gemäß RED-Kriterien.

Das Ergebnis kann vollständig erneuerbarer Wasserstoff nach RED II/III sein – auch wenn er nicht den RFNBO-Anforderungen entspricht.


3️⃣ Alternative Technologien zur Wasserstofferzeugung

Neben Elektrolyse und Biomasse existieren weitere CO₂-arme Herstellungswege:

  • Methanpyrolyse (fester Kohlenstoff statt CO₂),

  • partielle Oxidation von Biomethan,

  • Plasmatechnologien,

  • Reforming mit CCS,

  • Vergasung von Abfallstoffen (bei Erfüllung der RED-Kriterien).

Diese Technologien können einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten, auch wenn sie regulatorisch anderen Kategorien zugeordnet werden.


Warum erschwert das die Dekarbonisierung?

Auf der HyBaBo-Konferenz im deutschen Selb hörte ich eine Aussage, die mich ehrlich überrascht hat:

Unternehmen zahlen lieber hohe Strafzahlungen für nicht erfüllte RFNBO-Quoten, als günstigeren und stabilen Wasserstoff nach RED II/III zu nutzen.

Auf die Frage nach dem Warum lautete die Antwort:

„Weil dieser Wasserstoff nicht auf die verpflichtende RFNBO-Quote angerechnet wird.“

Und das, obwohl RED-konformer Wasserstoff:

  • günstiger ist,

  • rund um die Uhr produziert werden kann,

  • lokal verfügbar ist,

  • und eine sehr niedrige CO₂-Bilanz aufweisen kann.

Diese Erkenntnis war für mich zentral: Technologische Realität und regulatorische Realität klaffen in Europa derzeit deutlich auseinander.


⭐ Ziel dieser Serie

Ich möchte all jenen helfen, die sich im Dickicht aus Regularien, Abkürzungen, Zertifizierungen und Dekarbonisierungsvorgaben verlieren – genauso wie ich mich anfangs verloren habe, bevor ich begonnen habe, die Zusammenhänge systematisch zu verstehen.

Diese Serie ist kein akademisches Lehrbuch und kein fertiger Leitfaden. Sie ist ein fortlaufender Prozess des Erklärens, Einordnens und Teilens von Erkenntnissen aus meiner praktischen Arbeit, aus Gesprächen und aus konkreten Projekten.

In den nächsten Beiträgen werde ich Themen aufgreifen, die logisch aufeinander aufbauen – von verschiedenen Wasserstoffpfaden über regulatorische Unterschiede bis hin zu den praktischen Auswirkungen auf Industrie, Regionen und Projekte.

Vor allem aber möchte ich dazu beitragen, dass Wasserstoff nicht nur ein regulatorisches Häkchen bleibt, sondern zu einem echten Instrument der Dekarbonisierung wird.


⭐ Abschließende Einladung

Wenn Sie sich für diese Themen interessieren, freue ich mich, wenn Sie den Newsletter „Wasserstoff-Realität“ abonnieren.

Ich beschäftige mich mit Wasserstoff nicht nur als Beobachterin. Ich arbeite mit Industrieunternehmen, Städten, Investoren und Technologiepartnern an der Vorbereitung und Umsetzung von Wasserstoffprojekten – von der Erzeugung bis zur realen Anwendung in Industrie und Mobilität. Dabei verbinde ich Technologien, Fachwissen und regionale Potenziale so, dass Projekte technisch wie wirtschaftlich sinnvoll sind.

Wenn Ihr Unternehmen:

  • erste Schritte Richtung Dekarbonisierung plant,

  • nach geeigneten Technologien oder Partnern sucht,

  • den Einsatz von Wasserstoff in Industrie, Mobilität oder Energie prüft,

  • oder seine Optionen unverbindlich diskutieren möchte,

können wir uns jederzeit austauschen.

Ich bin überzeugt: Wasserstoff kann ein wirkungsvolles Instrument der Dekarbonisierung sein – wenn er richtig eingeordnet und praktisch umgesetzt wird.

Ich freue mich auf den nächsten Teil dieser gemeinsamen Reise.

Kristýna Váchalová
Hydrogen Business Development
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